In einem dramatischen Endspurt sicherte sich unser U10-Team bei der Deutschen Jugendvereinsmeisterschaft in Stuttgart denkbar knapp den Titel – vor dem punktgleichen SC Kreuzberg.

Mit den Spielern Arian Alloussi, Elian van Gehlen, Alexander Nadvid Schmid, Oleksandr Altshuler und UlrichSydow, der Betreuerin Viola Sydow sowie dem Autor dieser Zeilen reisten wir am 27. Dezember nach Stuttgart. Als Nummer drei der Setzliste galten wir nicht unbedingt als Titelfavorit, wollten aber ein ernstes Wort um die vorderen Plätze mitreden.

Nach zwei hart erkämpften „Pflichtsiegen“ gegen die DWZ-schwächeren Teams aus Fritzdorf und Nürnberg wartete mit dem SK Germering der erste echte Prüfstein – und leider auch die einzige Turnierniederlage. Nur Arian konnte einen vollen Punkt holen; an den übrigen Brettern lief alles schief, was schieflaufen konnte. Nun galt es, die geknickten Spieler wieder aufzurichten, den unnötigen Verlust abzuhaken und die Strategie neu zu justieren: Vor allem an den hinteren Brettern sollte ruhiger und bedachter gespielt werden, um den Erfolgsdruck von Arian und Elian zu nehmen.

Am nächsten Morgen saß eine wie verwandelte Mannschaft an den Brettern: keine vier Individualspieler mehr, sondern ein echtes Team. Es wurde gemeinsam mitgefiebert, gefreut, getröstet und analysiert. War eine Runde früher beendet, verfolgte man zusammen die Partien der anderen TSG-Mannschaften am Laptop. Zu den Mahlzeiten ging niemand allein – man wartete, bis der letzte Mannschaftskamerad fertig war.

Es folgte eine beeindruckende Aufholjagd:

3,5 : 0,5 gegen Mülheim-Nord
3 : 1 gegen Karlsruhe
3 : 1 gegen den Setzlisten-Zweiten USV Dresden

Vor der letzten Runde hatten wir zum Turnierfavoriten Hamburg aufgeschlossen. Hinter den Hamburgern lauerte eine Berliner Phalanx: TSG (10 Punkte), Kreuzberg (10 Punkte), Spandau (9 Punkte) – der Titelkampf war eröffnet.

Durch einen Protest verzögerte sich die Auslosung bis in den späten Abend. Für Arian, der seine ungewohnte Rolle als Mannschaftsführer glänzend meisterte, stand noch eine unangenehme Entscheidung an: Ulrich und Oleksandr hatten sich an Brett vier abgewechselt, einer musste aussetzen. Arian entschied sich für Ulrich. Um die Anspannung zu lösen, ging Viola mit dem Team noch auf den Weihnachtsmarkt. Erst nach 21 Uhr stand die Auslosung fest:

Hamburger SK – TSG Oberschöneweide
Zitadelle Spandau – SC Kreuzberg

Im Hamburger Lager war man sicherlich nicht erfreut über die Auslosung: Bei der letztjährigen U20 Meisterschaft kegelte man die Hamburger aus dem Meisterschaftsrennen, ebenso wie unser U16 Team am Vortag. Und auch der HSV konnte sich in den letzten beiden Spielen gegen Union nur über einen Punkt freuen.

Die letzte Runde begann mit einem Schock: Der Turnierleiter teilte mir mit, unsere Mannschaftsmeldung sei nicht eingegangen – Ulrich würde nicht gewertet. Kurz darauf Entwarnung: Die Meldung war im Chaos des Vortages vermutlich falsch abgelegt worden. Tief durchatmen.

Da die Betreuer angehalten wurden sich möglichst wenig im Turniersaal aufzuhalten, verfolgten wir die mit 15 Minuten Verzögerung übertragenen Partien über das Internet. Alle Bretter ausgeglichen - Entspannung. Doch auf einmal stand Alexander in unser Betreuerecke, der Daumen zeigte nach unten: Abwicklung übersehen, undeckbares Matt! 0:1

Nun musste ich dochmal in den Turniersaal um mir ein genaueres Bild zu machen - Entwarnung: Arian ausgeglichen, Elian und Ulrich leicht besser.

Doch dann überschlugen sich die Ereignisse: Elian baute seinen Vorteil immer weiter aus und nach deutlichem Materialvorteil strich der Gegner die Segel.1-1! Ausgleich!!

Und Ulrich, der die wichtigste Partie seines Lebens spielte? Der zahlte das in ihn gesetzte Vertrauen voll und ganz zurück: Auf deutlichen Stellungsvorteil folgte Materialgewinn und Partiegewinn durch Matt! 2:1 für die TSG.

Arian stand weiterhin grundsolide, während der Gegner gewinnen musste um wenigstens einen Punkt für die Hamburger zu sichern. Und so kam es wie es kommen musste: Sämtliche Gewinnversuche scheiterten und endeten schließlich im Punktverlust für Hamburg.

3:1 Endstand gegen den Turnierfavoriten!

Kreuzberg gewann ebenfalls – damit stand fest: die ersten beiden Plätze gingen nach Berlin. Nun begann das große Zittern um die Feinwertung.

Chronologie des Dramas:

10:58 Uhr – TSG 4 Punkte vor Kreuzberg

11:01 Uhr – nur noch 1,5 Punkte Vorsprung

11:20 Uhr - Turnierleiter Marco Stegner erscheint: "Endtabelle online, Siegerehrung in 20 Minuten"

11:21 Uhr – Meldung an die Betreuerliste: „Mit 0,5 Punkten Vorsprung gewinnt Kreuzberg die Deutsche Meisterschaft“

11:25 Uhr – Gratulation an Kreuzberg

11:41 Uhr – ich brülle ein markerschütterndes „Jaaaaaa!“ durch den Saal

Die offizielle Swisschess Endtabelle hängt aus. TSG 9.5 Punkte in der Feinwertung vor Kreuzberg - die Swisschess Daten wurden offensichtlich unvollständig in das DSJ System übertragen.

Was folgte: Umarmungen, Freudentänze, Abklatschen und Freudentränen.tabelle u10
Die TSG ist Deutscher Meister 2025!

Ein riesiges Kompliment an dieses fantastische Team.

Dieser Titel fällt nicht einfach vom Himmel, sondern ist das Ergebnis jahrelanger hervorragender Jugendarbeit. Ein "ganz großes Danke" an Lori! – stellvertretend für alle Trainer, Betreuer und Ehrenamtlichen, die unermüdlich für unsere Jugend im Einsatz sind.

Ganz besonders bedanken möchte ich mich bei unserer Betreuerin Viola Sydow, die einen ebenso großen Anteil an diesem Erfolg hatte. Sie war unermüdlich auf den Beinen, kümmerte sich um die kleinen Problemchen (die es zum Glück kaum gab), spendete Trost und Anerkennung, sammelte die Spieler zusammen und ermöglichte es mir, mich voll und ganz auf die schachlichen Belange zu konzentrieren. Vielen Dank!

u10 brett